Otto wird Rennfahrer – auch wenn ihm ein Bein fehlt
AmpuKids mit dem HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2009 (Anerkennungspreis) ausgezeichnet
29. Januar 2010 – Die Geschichte von Otto ist traurig und bewegt. Otto ist fünf Jahre alt, er ist sehr schlau, eigenwillig und erzählt gerne von Autos. Otto liebt Fahrzeuge und möchte später einmal Rennfahrer werden. Wenn er von seinem großen Traum erzählt, leuchten seine Augen. Trotzig meint er dann, dass sein großes Vorbild Zanardi (Anm. der Redaktion: Alessandro Zanardi, Rennfahrer) sogar ohne Beine Rennen fahren kann. Otto fehlt ein Bein. Es wurde ihm amputiert, als er zwei Jahre alt war.
Otto ist kein Einzelfall, wie Andrea Vogt-Bolm von Institut Ampu-Vita e.V. weiß. Die Leiterin des Projektes AmpuKids berichtet, dass in Deutschland rund 1.000 Amputationen pro Jahr bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden. Die Gründe für die Operationen sind Fehlbildungen der Gliedmaßen, Unfälle, bösartige Tumor- und Infektionserkrankungen.
Für Otto ist klar, was man mit ihm gemacht hat: "Man hat mir mein Bein weggenommen und es in den Müll geworfen", erzählt der 5-Jährige, während er mit seinem Auto spielt. Seiner Mutter Isabell steigen die Tränen in die Augen, wenn ihr Sohn von dieser Zeit berichtet. "Sein Oberschenkelknochen war nicht ausreichend ausgebildet. Die Ärzte schlugen eine sogenannte Umkehrplastik vor, um einer möglichen Vollamputation vorzubeugen&quo;. Bei diesem OP-Verfahren wird der Unterschenkel mit Fuß um 180° verdreht und am Oberschenkel fixiert. Das Sprunggelenk wird auf Höhe des vorhandenen Kniegelenks gesetzt, so dass es die Aufgabe des Knies übernimmt. Die OP ist nicht geglückt. Man musste Otto das gesamte Bein bis zum Hüftknochen entfernen.
Andrea Vogt-Bolm berichtet, dass Amputationen nach wie vor als klassische Studenten-Operationen gelten, obwohl gerade hier besondere
Erfahrung und Können notwendig sind, um den Betroffenen lebenslange Phantomschmerzen und Anpassungsprobleme mit ihren Prothesen zu ersparen. Die engagierte 48-Jährige weiß, wovon sie spricht, denn sie ist seit früher Kindheit unterschenkelamputiert. "Damals gab es nur Holzprothesen. Blasen und Druckstellen gehörten zu meinem Alltag. Zum Glück hat mir meine Familie viel Halt gegeben und Normalität vermittelt. Mein Vater sagte immer: ‘wenn Du das nicht kannst, dann ist es o.k., wenn Du nicht willst, dann lehne ich Dein Verhalten ab’. Und ich kann viel: schwimmen, Rad fahren, turnen, Schlittschuhlaufen und vieles mehr". Mit ihrem Verein, dem Institut Ampu-Vita e.V., das sie im Jahr 2005 gründete, will sie Betroffenen Mut für ein normales Leben geben.
Auch Ottos Familie suchte Rat und Hilfe bei AmpuKids. "Wir hatten uns zwei Jahre auf den OP-Termin eingestellt, haben den Eingriff im Klinikum Münster, der Spezialklinik in Deutschland für diese komplizierte OP, durchführen lassen – und dann war alles vorbei", so Ottos Mutter, die sich noch heute Vorwürfe macht, dem Eingriff zugestimmt zu haben. "Nach wenigen Tagen wurde Otto aus dem Krankenhaus entlassen. Wir waren zuhause – allein mit unseren Ängsten. Mit Otto, dem ein Bein fehlte, der sich versteckte, immer eine Decke über die Stelle zog, wo einmal sein Bein war. Mit meinem Kind, das ich nicht mehr anfassen durfte und das nur noch liegen wollte. Was macht man dann?" Man redet. Redet sich den Kummer von der Seele. Beginnt Perspektiven zu entwickeln. Sucht sich ein Team von Fachleuten für Rehabilitation, Orthopäden und Prothesen-Technikern, die wissen, was ein Kind braucht, das täglich wächst. Und Andrea Vogt-Bolm hilft. Sie hört zu, gibt Kraft, zeigt mit ihrer fröhlichen Art, dass eine Amputation nicht das Ende ist. "Ich habe Otto bei seinem ersten Kindergartentag begleitet und den anderen Kindern erklärt, wie seine Prothese funktioniert und warum er sie trägt. Die Kinder fanden das spannend. Und Otto ist an diesem Tag in der Normalität angekommen – seine Familie auch. Der 18-jährige Bruder sagt heute über Otto: "Der Unterschied sind doch nur sein 20 cm fehlendes Bein, der Rest ist Otto".
AmpuKids hilft betroffenen Familien mit Beratungs- und Coachingangeboten, organisiert Treffen mit anderen Familien zum Erfahrungsaustausch. Andrea Vogt-Bolm unterstützt bei der Integration und klärt auf. Sie bietet Spielkurse und gemeinsame Bewegungsaktivitäten, Fachvorträge und Freizeitaktivitäten an. Wie den Ausflug nach Oschersleben, wo Allesandro Zanardi, der beinamputierte Rennfahrer, dem kleinen Otto seinen Lebensmut zurückgegeben hat. Immer mit dem Ziel zu integrieren und Normalität schaffen. Das Angebot von AmpuKids ist einmalig in Deutschland. Den Verein erreichen daher mittlerweile Anfragen aus der ganzen Bundesrepublik.
Ampu-Vita e.V. erhält für sein Projekt AmpuKids, mit dem in vorbildhafter Weise amputierten Kindern und deren Familien geholfen wird, den
HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2009 (Anerkennungspreis), der mit 10.000 Euro dotiert ist.
Kontakt:
Institut Ampu-Vita e.V., Andrea Vogt-Bolm, August-Krogmann-Straße 52, 22159 Hamburg, Tel.: 040/645811363, Fax: 040/69641651, E-Mail:
info@ampu-vita.de, Internet: www.ampukids.de.